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Die (neue) Rolle von Biogas in der Energiewende:

Ein Expertengespräch mit Dr. Claudius da Costa Gomez, Hauptgeschäftsführer Fachverband Biogas e.V.

Obwohl die installierte elektrische Leistung der deutschen Biogasanlagen im vergangenen Jahr erstmals die Marke von 5.000 Megawatt erreicht hat, fällt die Bilanz für 2020 eher nüchtern aus. Der Fachverband Biogas e.V. erwartet erstmals einen Rückbau im Anlagenbestand. Ein Sachverhalt, der sich mit der anstehenden Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) ändern soll. Für Hauptgeschäftsführer Dr. Claudius da Costa Gomez setzt der parlamentarische Entwurf ein „klares Signal für den Erhalt und die Flexibilisierung von bestehenden Anlagen.“ Wir wollten wissen, wo noch Nachbesserungsbedarf besteht und welche Optionen sich Landwirten nach Auslaufen der EEG-Vergütung bieten.

EnergyDecentral: Herr da Costa Gomez, die deutsche Bundesregierung hat mit dem Klimaschutzplan 2030 ihre nationalen Klimaschutzziele weiter präzisiert. Umweltschützer kritisieren, dass die Maßnahmen nicht annähernd ausreichen ...

Dr. Claudius da Costa Gomez: Der Klimaschutzplan war für alle, die sich eine ambitionierte Politik gegen die Klimaerhitzung wünschen, enttäuschend. Als Biogasbranche nehmen wir aber wahr, dass nach langen Jahren einer "all electric world" in der deutschen Energiepolitik, nun Gas wieder eine Rolle spielt – das ist gut für Biogas und gut fürs Klima.

EnergyDecentral: Welche Konsequenzen ergaben sich daraus für die Gasversorgung hierzulande?

Dr. Claudius da Costa Gomez: Wenn Gas eine Rolle in der zukünftigen Energieversorgung spielt, dann wird Biogas ein wichtiger Teil des Systems sein. Es ist direkt speicherbar und im Gegensatz zu Strom ein "Billigmacher" unter den erneuerbaren Energien. Ob das Gas dann für die Mobilität, eine verlässliche Stromversorgung oder im industriellen Bereich eingesetzt wird, entscheidet sich nicht heute, sondern in der nächsten Dekade.

EnergyDecentral: Erstmals erwartet der Fachverband Biogas seit dem Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vor 20 Jahren einen signifikanten Rückgang im Anlagenbestand und auch in der Strom- und Wärmebereitstellung. Wie fällt Ihre Prognose für 2020 aus?

Dr. Claudius da Costa Gomez: In der Tat sehen wir in unserer Prognose für 2020 erstmals einen Nettorückgang der Anlagenzahl. Das ist kein gutes Zeichen, wenn zeitgleich mit dem Ausstieg aus Kohle- und Atomenergie auch der Abbau eines bestehenden auf erneuerbaren Energien basierenden Anlagenparks beginnt. Sicher war dies ein Anlass für die Bundesregierung, im aktuellen Entwurf für das EEG 2021 ein klares Signal für den Erhalt und die Flexibilisierung von bestehenden Anlage zu setzen.

EnergyDecentral: Greift der Referentenentwurf die zentralen Forderungen der Branche auf und kann er den einsetzenden Rückbau von Biogasanlagen abwenden?

Dr. Claudius da Costa Gomez: Einzelne unserer Forderungen sind ganz oder zum Teil erfüllt worden. Dennoch hoffen wir im parlamentarischen Verfahren auf weitere Änderungen. Allen voran muss der Zielwert der Stromerzeugung aus Biogas mit 42 Terawattstunden festgeschrieben und damit auch das Ausschreibungsvolumen auf 990 Megawatt pro Jahr fixiert werden.

EnergyDecentral: 50 Prozent der Biomasseausschreibung muss in der Südregion erfolgen. Wird diese Quote nicht erreicht, kann die Kapazität nicht auf die Ausschreibungen im Norden übertragen werden. Viele Experten fordern deshalb die Streichung dieser Regelung ... 

Dr. Claudius da Costa Gomez: Die Südquote muss zumindest so ausgestaltet werden, dass keine Ausschreibungsmengen verloren gehen. Besonders wichtig ist es für den Klimaschutz aber, dass die Sondervergütungsklasse für die Güllevergärung auf 150 Kilowatt Bemessungsleistung angehoben wird und Bestandsanlagen diese Klasse dann auch nutzen können.

EnergyDecentral: Wo sehen Sie noch Nachbesserungsbedarf?

Dr. Claudius da Costa Gomez: Ein Hauptgrund für die bisher geringe Beteiligung an den Ausschreibungsverfahren für Biomasse

waren die sehr niedrigen Gebotshöchstwerte. Für alle Bestandsanlagen muss der Höchstgebotswert deshalb auf 19,4 Cent pro Kilowattstunde angehoben werden, um einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb zu ermöglichen. Sofern die hier genannten Anpassungen im parlamentarischen Verfahren noch vorgenommen werden, gehen wir davon aus, dass in begrenztem Umfang neue Anlagen entstehen oder einzelne Bestandsanlagen erweitert werden. Wir hoffen, dass sich damit der Nettorückbau stoppen lässt.

EnergyDecentral: Einer der großen Wettbewerbsvorteile gegenüber Strom aus Windkraft oder Photovoltaik, ist die Flexibilisierung der Stromgewinnung aus Biogas. Dennoch deutet sich auch hier ein sinkender Zubau flexibler Leistung an ...

Dr. Claudius da Costa Gomez: Hier mangelte es bisher an Perspektiven für die Anlagenbetreiber. Ein Fakt, dem der Entwurf des EEG 2021 nun entgegensteuert. Konkret sollte im EEG die von uns entwickelte Optiflex-Regelung eingeführt werden. Sie ermöglicht es Bestandsanlagen, die schon frühzeitig in geringem Maße flexibilisiert haben, jetzt noch mal innerhalb ihrer verbliebenen Restvergütungszeit nachinvestieren zu können. Ganz wichtig ist es aber, die Strommärkte weiter zu entwickeln, um auch wirklich marktwirtschaftliche Anreize für eine flexible Fahrweise zu schaffen ...

EnergyDecentral: ... das heißt, die Must-Run-Kapazität konventioneller Kraftwerke muss weiter verringert werden?

Dr. Claudius da Costa Gomez: Die Impulse für eine am Bedarf orientierte Strombereitstellung müssen von den Märkten selbst kommen. Der Bundesverband Erneuerbare Energien hat hierzu bereits erste Vorschläge gemacht. Mit der Neugestaltung der Strommärkte müssen die Weichen in den nächsten zwei Jahren so gestellt werden, dass nicht mehr die konventionellen und klimazerstörenden Must-Run-Kraftwerke Geld verdienen, sondern flexible Anlagen, die mit erneuerbaren Energien betrieben werden.

EnergyDecentral: Eine Verlängerung ist im EEG für Biogasanlagen vorgesehen. Der Ausschreibungstermin am 1. November 2019 war der letzte, den Betreiber nutzen konnten, die eine Anschlussvergütung ohne drohende Förderlücke anstreben. Wie war die Resonanz?

Dr. Claudius da Costa Gomez: Auch im November 2019 wurde das ausgeschriebene Volumen lange nicht ausgeschöpft. 56 von 133 möglichen Megawatt wurden abgerufen. Das war zwar mehr als doppelt so viel wie noch im April des Jahres, aber immer noch deutlich unter der möglichen Menge.

EnergyDecentral: Viele Biogaspioniere stehen jetzt erstmals vor der Frage, ob sie aussteigen oder weitermachen sollen. Welche Optionen bieten sich Landwirten, die jetzt nach dem Ende der EEG-Förderung mit Biogas Geld verdienen wollen?

Dr. Claudius da Costa Gomez: Hier gibt es kein Generalrezept. In jedem Fall gilt es, die betriebliche Situation genau zu betrachten. Die Flexibilisierung ist mit dem neuen EEG noch mal wirtschaftlich attraktiver geworden. Ganz wichtig ist natürlich die Frage der Substratversorgung: Welche Einsatzstoffe stehen sicher, kostengünstig und verlässlich zur Verfügung? Und welche Möglichkeiten gibt es, die Wärme zu verkaufen? Wenn es uns jetzt noch gelingt, die Situation für Gülleanlagen zu verbessern, entstehen für Betriebe in viehstarken Regionen zusätzliche Perspektiven.

EnergyDecentral: Auch im Verkehrssektor prognostizieren Experten ein vielversprechendes Potenzial ...

Dr. Claudius da Costa Gomez: Der Kraftstoffbereich ist aktuell die konkreteste Option, um außerhalb des EEG mit Biogas Geld zu verdienen. Wer mutig ist, kann sich diese neuen Märkte schon heute mit Compressed Natural Gas (CNG) und Liquefied Natural Gas (LNG) erschließen.

EnergyDecentral: Sie sind also optimistische, wenn Sie an zukünftige Rolle von Biogas im Mix der erneuerbaren Energien denken?

Dr. Claudius da Costa Gomez: Die Biogasbranche ist mit ihren erneuerbaren Lösungen bereits da, wo andere erst hin wollen. Schon heute speisen über 200 Anlagen Biomethan in das Gasnetz ein. Wir können, wenn gewünscht, auch Bio-CNG, Bio-LNG oder grünen Wasserstoff. Wann der aktuell hoch gepriesene Wasserstoff wirklich einen Markt bietet, kann derzeit niemand sagen. Sicher ist, dass wir, egal welches grüne Gas das Rennen macht, liefern können. Biogasanlagenbetreiber und insbesondere die Pioniere der Branche sind erfahrene und innovative Unternehmer – da mache ich mir keine Sorgen, dass die nicht den für sie richtigen Weg finden. 

Das Gespräch führte Mareike Bähnisch